Moneycab.com: Herr Mazzara, Silenccio geht mit Technologie-basierter Überwachung gegen das Problem der Hasskommentare in den sozialen Medien und im Internet vor. Machen Sie damit die Arbeit, die eigentlich Plattformen wie Facebook oder Twitter machen sollten?

Alexander Mazzara: Wir sehen uns als Ergänzung zu den bestehenden – zugegebenermassen ausbaufähigen – Angeboten der einzelnen Plattformen. Unsere Unabhängigkeit ermöglicht es uns zudem, weiter zu gehen, als die globalen, in komplexe Strukturen eingebundenen Player. Wir nutzen zudem die rechtlichen Mittel und Wege, sollte dies notwendig werden. Ausserdem besteht ein weiterer entscheidender Vorteil in dieser Abgrenzung: wir machen uns stark für die Selbstbestimmung unserer Kunden – sie haben jederzeit die Entscheidungshoheit und entscheiden selbst, ob ein kritischer Kommentar abgemahnt wird, oder nicht.

„Hate Speech“ in Form von digitalem Mobbing, Rassismus, Beleidigungen, Verleumdung etc. ist ein Problem, dass Privatpersonen ebenso betrifft wie Unternehmen, Politiker oder Journalisten. Wie ordnen Sie Phänomen ein? Handelt es sich einfach um ein Abbild unserer Gesellschaft? Oder ist Teil der „digitalen Pubertät“, in der wir uns noch immer befinden?

Es ist eine Mischung aus beiden Aspekten. Einerseits kann auf verschiedenen Ebenen eine Verrohung des Umgangs miteinander festgestellt werden, die durch exponierte Persönlichkeiten wie Politiker quasi salonfähig gemacht wird. Zum anderen ist es wie bei allen Neuerungen in unserer Gesellschaft: es braucht eine Orientierungsphase, die mit Unsicherheiten einhergeht, bis gesellschaftliche Normen neu festgelegt werden, und diese auch in der Gesetzgebung abgebildet sind. Leider verstärken sich diese beiden Faktoren momentan gegenseitig.

Silenccio informiert seine Kunden über Hasspostings und setzt an einem Punkt an, an dem die Beleidigung bereits geäussert wurde. Wo müsste man Ihrer Meinung nach ansetzen, dass es gar nicht erst dazu kommt? Bei den Erziehungsberechtigten, den Schulen, den Plattformen?

Wir brauchen einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Anstand, Respekt und Verantwortung für das eigene Handeln und Schreiben auch für die virtuelle Welt ihre Gültigkeit haben. Also alle gemeinsam.

„Wir brauchen einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Anstand, Respekt und Verantwortung für das eigene Handeln und Schreiben auch für die virtuelle Welt ihre Gültigkeit haben.“
Alexander Mazzara, CEO Silenccio

Aus Ihrer Erfahrung: Welches sind die ersten Reaktionen der Betroffenen auf Hasskommentare?

Hilflosigkeit. Betroffene beschreiben die Gefühle ähnlich derer, die von realem Hass oder Gewalt betroffen waren oder sind. Die Kontrolle über die Geschehnisse zu verlieren ist verletzend. Und in vielen Fällen ist es öffentlich, also auch von Tausenden zu lesen. Und liken.

Wie findet Silenccio entsprechende Einträge?

Über ein von uns entwickeltes Hate-Detection-Tool.

Finden sich kritische Beiträge, informieren Sie den Kunden. Wie oft gelingt es Ihnen, die Urheber des Postings ausfindig zu machen?

Unsere Erfahrung zeigt, dass eine Abmahnung oft schon genügt, und somit ein Rechtsfall verhindert werden kann. Der Fakt, dass jemand in der realen Welt kontaktiert wird und gebeten wird, einen Eintrag zu löschen, ist neu und führt oft dazu, dass Verfasser(innen) zum ersten Mal Verantwortung für ihr Tun übernehmen müssen. Das regt zum Nachdenken an.

Wie können sich Betroffene nun dagegen wehren?

Sind Betroffene Silenccio-Kunden, dann übernehmen wir die Abmahnung bis hin zum allfälligen Rechtsfall – immer in Abstimmung mit dem Kunden.

„Für viele hat sich der Stammtisch digitalisiert. Zusätzlich sehen viele in der virtuellen Welt eine Art „rechtsfreie Zone“.“

Wenn Ihre Intervention erfolglos bleibt, kann der Fall an die Rechtschutzversicherung AXA-ARAG übertragen werden. Welche Mittel stehen Ihr zur Verfügung?

Das Schweizerische Strafgesetzbuch bildet die meisten Strafbestände, die in Social Media vorkommen ab, seien dies Beschimpfung, Ehrverletzung, Drohung, öffentliche Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeit.

Der Meinungsfreiheit sind auch in Demokratien Grenzen gesetzt. Ist das den Absendern der Beiträge überhaupt bewusst?

Häufig nicht. Für viele hat sich der Stammtisch digitalisiert. Zusätzlich sehen viele in der virtuellen Welt eine Art „rechtsfreie Zone“. Das Bewusstsein dafür, dass dem nicht so ist, muss geschärft werden.

Sie haben Silenccio 2017 zusammen mit drei Partnern gegründet. Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee dazu?

Zufälligerweise war ich im letzten Jahr (2017) beim Arbeitsantritt von Donald Trump in den USA und habe mitbekommen, wie viel Hass, Beleidigungen und Drohungen rund um die Amtseinsetzung im Internet zu lesen war (von allen Seiten). Gleichzeitig wurde im „realen“ Leben rigoros durchgegriffen – beinahe wie in zwei Welten, obwohl es ja nur ein Gesetz gibt. Zurück in der Schweiz habe ich mich mit einigen andern Unternehmern beraten – wir fanden alle, dass dieser Internethass nicht nur für die Gesellschaft schlecht ist, sondern dass es eine Marktlücke gibt für das Detektieren und Entfernen von Hass, Beleidigungen und Co. Die gesetzlichen Grundlagen sind auch hierzulande so eindeutig, und trotzdem gibt es immer mehr Beleidigungen, Hasskommentare und Drohungen.

Also haben wir eine Maschine gebaut, die das ganze Internet und die sozialen Medien monitort und solche Kommentare aufspürt. In einem ersten Schritt mahnen wir ab und versuchen so schon, möglichst viele Kommentare zu löschen. Für den Fall, dass dies nicht gelingt, haben wir einen Partner gesucht, bei dem wir eine Rechtsschutzversicherungslösung als Kollektivvertrag einbauen können. Axa-Arag hat sich da sehr schnell entschieden und so können wir eine integrierte Lösung anbieten.

Inwieweit setzen Sie Ihre Technologie auch auf anderer Ebene ein, beispielsweise bei Buchungsplattformen und Bewertungsportalen? Ein Hotel möchte beispielsweise nicht, dass es Einträge über die lärmende Baustelle nebenan gibt. Ein Fall für Silenccio?

Wir sind grosse Verfechter der Meinungsfreiheit, somit sind kritische Kommentare wo gerechtfertigt auch erwünscht. Wir setzen uns lediglich gegen Nachrichten ein, die gegen unsere Gesetze verstossen. Das trifft bei Ehrverletzungen, Beleidigungen, Drohungen oder ähnlichem zu, aber eben nicht bei einer schlechten Bewertung.

Herr Mazzara, besten Dank für das Interview.

 

Erschienen auf  moneycab.com

19. November 2018
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